#Ruhrpottmacher: Neue Perspektiven

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Die Tage des Steinkohlebergbaus sind (fast) gezählt. Die Schwerindustrie ist abgewandert. Und die Industriekultur? Naja, ist irgendwie so 2010. Und getz? Revier, wo gehsse…? Das erkunde ich in meinem Blog #Ruhrpottmacher – mit einem wachen Blick auf mein Umfeld.

Karnickelstall, Kappesgarten und Plumpsklo

Wenn ich an Ruhrpottmacher denke, fällt mir als erstes immer noch mein Oppa ein. Oppa war Malocher unter Tage. Nicht als Bergmann, sondern als Schlosser. Das war verdammt hart verdientes Brot. Oppa und Omma lebten in den 1950ern mit ihren beiden Kindern, meiner Mutter und meinem Onkel, in der „alten Kolonie“ in Wattenscheid. Einer Zechensiedlung mit uniformen Backsteinhäusern – standesgemäß mit Karnickelstall, Kappesgarten und Plumpsklo. Auch wenn ich diese Zeiten nur aus Geschichten und Fotoalben kenne, haben sie mich über meine Familie doch geprägt. Oppa und Omma haben mir Werte vermittelt: Fleiß, Bescheidenheit und Stolz.

Bildungsboom versus Zechensterben

In den 1960er und 1970er Jahren profitierten meine Eltern von dem Bildungsboom als Reaktion auf den sich bereits abzeichnenden Rückgang des Steinkohleabbaus: Im Ruhrgebiet schossen Universitäten wie Pilze aus dem Boden. So ergriff auch mein Vater seine Chance und studierte Elektrotechnik in Bochum. Seine berufliche Laufbahn führte ihn in den Energiesektor.

Brennender Himmel

Ein eigenes Bewusstsein für das Ruhrgebiet entwickelte ich erst ab den 1980er Jahren. Als Kind hatte das unaufhaltsame Ableben der Montanindustrie jedoch keine weitere Bedeutung für mich. Ich war schlichtweg romantisiert von einem glühend roten Firmament, das ich abends oft aus dem Fenster meines Kinderzimmers beobachten konnte: Abstich auf der Hattinger Henrichshütte. Je nach Wetterlage erstrahlte der Horizont irgendwo zwischen scharlachfarben, rosé und orange. Die Engelchen backen, sagten die alten Leute. Irgendwann blieb der Himmel schwarz.

Das Schöne im Hässlichen

Mitte der 1990er wehte ein neuer Geist durchs Revier: Verwaiste Industrieanlagen wurden wiederbelebt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die weitläufigen Areale und Halden verwandelten sich in grüne Parklandschaften, in denen wir Spazierengehen, Radfahren oder Picknicken konnten. In die ehemaligen Werksgebäude zogen Theater, Museen und Ateliers. Das Konzept der Industriekultur war geboren. Ein Begriff vereinte, was gegensätzlicher nicht sein konnte: Die Gnadenlosigkeit körperlicher Arbeit unter schwersten Bedingungen paarte sich mit der leichten Muse.

Doch Industriekultur umfasste mehr als nur Kunst: Es ging darum, einen neuen Lebenswert für ein angeschlagenes Revier zu schaffen. Natur gegen Tristesse, Freizeitspaß gegen Perspektivlosigkeit. Diese Entwicklung fand in 2010 ihren Höhepunkt, als Essen zur Europäischen Kulturhauptstadt gekürt wurde. Spätestens seitdem weiß auch der Rest der Welt, dass die Region an Rhein und Ruhr schon längst nicht mehr unter schwarzem Kohlenstaub dahinsiecht.

Aufbruch in eine neue Zeit

Und heute? Es herrscht eine ganz neue Aufbruchstimmung: Die Ruhrpottmacher von heute sind nicht mehr aufzuhalten! Dank der vorhandenen Verkehrsinfrastruktur floriert die Logistikbranche. Die zahlreichen Universitäten und Bildungsreinrichtungen bringen kreative Köpfe hervor, die mit innovativen Start-ups eine neue Gründerzeit ausrufen. Der Energiesektor wird immer weniger von den Marktriesen beherrscht, kleine und mittlere Unternehmen entwickeln nachhaltige Ideen für die Versorgung von morgen.

Also: Revier, wo gehsse…? Direkt ab inne Zukunft!

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